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Wenn Pferde im Winter plötzlich schreckhaft werden – was dahintersteckt und was wirklich hilft

  • 30. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit
Pferd schreckhaft im Winter

„Er war sonst nie so“ – ein typisches Winterphänomen

Viele Pferdebesitzerinnen und Pferdebesitzer erleben im Winter eine Veränderung, die verunsichert: Das Pferd erschrickt plötzlich bei Dingen, die es eigentlich kennt: Geräusche, Schatten oder kleine Bewegungen am Rand des Gesichtsfeldes. Es reagiert nervöser, ist schneller auf "180" oder geht unerwartet nach vorne, obwohl es sonst als ruhig und verlässlich gilt.


Nicht selten fällt dann der Satz: „Der hat im Winter einfach mehr Energie.“

In der Praxis zeigt sich aber immer wieder, dass Schreckhaftigkeit im Winter nur selten ein reines Energieproblem ist. Meist entsteht sie aus einem Zusammenspiel von körperlicher Spannung und einem sensibleren Nervensystem – und ist kein Zeichen von schlechtem Training oder mangelnder Konsequenz.



Warum sich Pferde im Winter oft anders verhalten

Im Winter verändert sich nicht nur, wie viel sich ein Pferd bewegt, sondern auch, wie der Körper mit Energie umgeht. Kühlere Temperaturen, weniger freie Bewegung und längere Stehzeiten führen dazu, dass sich im Körper Spannung aufbaut.


Im Sommer kann sich Energie oft ganz natürlich abbauen: durch Weidegang, freies Laufen oder lockere Bewegung über den Tag verteilt. Im Winter fehlt dieser Ausgleich oft. Die Energie staut sich eher an, statt ruhig abzufliessen.


Diese innere Spannung wirkt wie ein Druck im Körper. Energie entlädt sich dann nicht gleichmässig, sondern plötzlich. Das zeigt sich zum Beispiel durch Schreckreaktionen, abruptes Anziehen oder unerwartetem Durchgehen.


Wichtig ist dabei: Das Pferd hat nicht einfach zu viel Energie, sondern zu wenig Möglichkeit, sie ruhig und kontrolliert abzubauen.



Warum der Körper dabei eine zentrale Rolle spielt

Körper und Nervensystem arbeiten eng zusammen. Stehen Muskeln und Faszien unter Spannung, ist auch das Nervensystem schneller aktiv. Reize werden intensiver wahrgenommen, Reaktionen fallen stärker aus. Gerade plötzliche Reize wie Geräusche, Bewegungen oder kleine Veränderungen in der Umgebung können dann schneller eine Schreckreaktion auslösen.


Besonders Spannungen im Rücken-, Hals- oder Brustbereich beeinflussen die Körperwahrnehmung stark. Das Pferd fühlt sich weniger stabil und weniger sicher im eigenen Körper, es reagiert reflexartig.


Gerade Pferde, die sonst als gelassen gelten, fallen im Winter deshalb besonders auf. Der Unterschied zum gewohnten Verhalten ist gross, obwohl die Ursache oft schleichend entstanden ist.



Körperliche Hinweise, die leicht übersehen werden

Häufig zeigt ein Pferd bereits vor deutlicher Schreckhaftigkeit kleine, unscheinbare Anzeichen. Es braucht länger, bis es sich beim Reiten locker anfühlt, wirkt beim Putzen empfindlicher oder fühlt sich im Rücken fester an. Manche Pferde machen kürzere Schritte, stolpern häufiger oder ermüden schneller als gewohnt.


Diese Veränderungen werden im Winter oft als „normal“ abgetan. Tatsächlich sind sie wichtige Hinweise darauf, dass der Körper unter Spannung steht und Unterstützung braucht.



Was im Winter wirklich hilft

Entlastung beginnt nicht im Kopf, sondern im Körper. Besonders wichtig ist ruhige, gleichmässige Bewegung. Ein bewusst verlängertes Aufwärmen gibt dem Gewebe Zeit, warm zu werden und Spannung loszulassen.


Auch klare, vorhersehbare Abläufe helfen dem Pferd. Sie geben Sicherheit in einer Zeit, in der der Körper sensibler reagiert. Decken können sinnvoll sein, um Auskühlung zu vermeiden, ersetzen jedoch keine Bewegung.


Was hingegen selten hilft, ist Druck. Intensiveres Reiten, "Durchreiten" oder das Ignorieren der Veränderung führen oft dazu, dass die innere Spannung eher zu- als abnimmt.



Wann es sinnvoll ist, genauer hinzuschauen

Wenn ein Pferd im Winter plötzlich schreckhaft wird, sich körperlich steifer anfühlt oder schneller überreagiert, lohnt sich ein genauer Blick auf das Bewegungssystem. In der Praxis zeigt sich häufig: Wird die körperliche Spannung weniger, wird auch das Verhalten ruhiger.


Manuelle Muskel- und Faszientherapie kann hier gezielt unterstützen. Ziel ist es, Spannungen im Gewebe zu lösen, die Durchblutung zu verbessern und dem Körper wieder mehr Bewegungsfreiheit zu geben. Ein entspannterer Körper hilft dem Nervensystem, Reize besser zu verarbeiten.



Fazit

Winterliche Schreckhaftigkeit ist selten einfach „zu viel Energie“. Meist steckt ein angespannter Körper dahinter, der Mühe hat, diese Energie ruhig zu regulieren. Wer den Körper unterstützt, gibt dem Pferd Sicherheit und schafft damit die Grundlage für mehr Ruhe, Vertrauen und Gelassenheit.



Quellen

  • The Horse (2024): Fachartikel zu Verhalten, Nervosität und körperlichen Ursachen beim Pferd.

  • Merck Veterinary Manual (2024): Grundlagen zu Muskelphysiologie, Nervensystem und Einfluss von Kälte.

  • Fascia Research Project (2023): Informationen zur Faszienforschung und Gewebespannung.

  • Clayton, H. M. (2016): Conditioning Sport Horses. Elsevier.

  • McGreevy, P. & McLean, A. (2010): Equine Behavior – A Guide for Veterinarians and Equine Scientists. Saunders.


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